Archivboden - Boden des Jahres 2026

Dr. Rainer Dambeck (rechts) und Prof. Dr. Heinrich Thiemeyer (2. v. rechts) erläutern den Interessierten, was es mit den unterschiedlichen Farben der Bodenschichten auf sich hat.  (Foto: Sabine Neugebauer)

Der Archivboden ist der Boden des Jahres 2026. Zu diesem Thema boten der Nassauische Verein für Naturkunde und die Bürgerstiftung Unser Land! am Samstag eine sechsstündige Exkursion an. Prof. Dr. Heinrich Thiemeyer und Dr. Rainer Dambeck, beide vom Institut für Physische Geographie der Johann Wolfgang-Goethe-Universität, Frankfurt am Main, sowie die Vereinsvorsitzende Dr. Tilli Reinhardt nahmen die 24 Interessierten am Jagdschloss Platte in Empfang. „Boden ist nicht nur Dreck unter den Füßen“, betonte Dambeck bei der Begrüßung, „er ist divers und hat ein hohe Archivfunktion“. In Deutschland wird bereits seit 2005 alljährlich am 5. Dezember, dem Weltbodentag, der Boden des Jahres für das folgende Jahr ausgerufen. Die Bekanntgabe erfolgt stets in einer Veranstaltung des Kuratoriums Boden des Jahres in Zusammenarbeit mit einer staatlichen Einrichtung wie einem Bundesministerium, einer Bundesbehörde oder einem Bundesland. 2026 hat Hessen die Schirmherrschaft zum Boden des Jahres übernommen. „Eigentlich haben alle Böden Archivfunktion“, so Dambeck weiter. Und das wurde im Verlauf der Exkursion sehr deutlich. Denn wie Thiemeyer erläuterte, hätten Faktoren wie Geologie, Klima, Zeit, Vegetation und auch die Nutzung einen Einfluss auf die Bodenentwicklung.

An der ersten Station der Exkursion wurde klar, dass die gesamte Landschaft eigentlich ein Archiv ist. Denn hier war ein alter Hohlweg, ein damaliger Verbindungsweg von Wiesbaden in den Hintertaunus, in den Waldboden eingeschnitten. „Wir wollen das Bewusstsein schaffen, beim nächsten Spaziergang die Landschaft mit anderen Augen zu sehen“, betonte Dambeck. Bei einem bewussten Blick in die Landschaft könne sich jeder fragen, wie hat der Mensch die Landschaft verändert. Beim zweiten Haltepunkt stand ein Ereignis von vor etwa 13.000 Jahren im Mittelpunkt, der Ausbruch des Laacher See Vulkans in der Osteifel. Damals wurde in der Lee-Lage des Taunuskammes eine dicke Schicht vulkanischer Aschen, die sogenannte Laacher See-Tephra, hier abgelagert. Daraus sei die hier jetzt vorhandene Lockerbraunerde entstanden, erklärten die beiden Bodenkundler. Die unterste hellgraue, sandige Schicht bestehe aus eiszeitlichem Frostschutt, der das Festgestein aus Taunus-Quarzit bedecke. Diese Schuttauflage sei in der Eiszeit im Auftaubereich über dem damals dauerhaft gefrorenen Untergrund entstanden. Der Gesteinsschutt floss dabei breiförmig den Hang hinab. Über dem Schutt folgt eine gut durchwurzelte Schicht aus Laacher-See-Tuff, die zur Oberfläche mit einem dunkelbraunen Horizont abschließt, der mit Humus angereichert ist. „Das ist ein Archivboden erster Güte,“, der aufgrund des hohen Porenvolumens zudem wichtige Funktionen für den Waldstandort erfüllt,“ schmunzeltbetonte Thiemeyer. An einem Wurzelteller von einem umgestürzten Baum erklärten die beiden den Bodentyp Podsol, der seine graue Farbe durch Versauerung und das Ausschwemmen von färbenden Eisenverbindungen erhalten hat. Die weiter unten am Hang betrachtete Parabraunerde dagegen zeichnet sich durch drei eiszeitliche Schichten und einen Tonanreicherungshorizont aus, der eingesickertes Niederschlagswasser besonders gut speichern kann. Je nach Tongehalt und Wassermenge, kann dies allerdings auch zu Wasserstau und Staunässe führen. Anhand der Erläuterungen machten die Bodenwissenschaftler den Teilnehmenden bewusst, dass die Bodenverhältnisse in der Landschaft kleinräumig wechseln und unterschiedliche Bodeneigenschaften die Folge sind. 

Ein „klassischer“ Archivboden, den auch das Plakat zum Boden des Jahres zeigt, ist der Kohlenmeilerboden. Solch einen ehemaligen Meilerplatz steuerte die Gruppe als nächstes an. Schon an der Geländeform, einer kleinen in den Hang gegrabenen Verebnung erkennt man solche Meilerplätze, von denen es im Taunus Tausende gibt. Die oberste Bodenschicht ist schwarz und besteht aus Holzasche. Teilweise sind noch Reste der Holzkohle erhalten, die dort produziert wurde. Darunter befindet sich oft eine von der Hitze rötlich verfärbte „gefrittete“ Schicht. Weiter ging es den Taunushang hinunter in den Rabengrund. Schon die Römer hätten hier die guten Böden genutzt, die aufgrund des Lösslehmgehaltes für den Ackerbau geeignet seien, machte Thiemeyer deutlich. Jetzt befinden sich hier nur noch Wiesen. Richtung Nordfriedhof kamen die interessierten Wanderer an einem Aufschluss vorbei, wo das älteste Gestein Hessens, ein grünlicher Serizitgneis anstand. Vor über 450 Millionen Jahren sei dieses Gestein beim Zusammenprall zwei alter Kontinente entstanden. Im Anschluss an die Entstehung im Erdaltertum, sei der Fels dann über Jahrmillionen im Erdmittelalter einem tropischen Klima ausgesetzt gewesen. Dadurch verwitterte das Gestein bis in große Tiefen und wurde chemisch zersetzt. Es entstand „Faulfels“ oder Saprolith, dessen Reste hier Zeugnis dieser Entwicklung ablegen und die tiefgründige Zersetzung des Festgesteins in diesen Zeiten bis in die Gegenwart archivieren.